Leitsätze der Suchthilfe Fleckenbühl

1. Wir nehmen jeden auf, der ein Suchtproblem hat

Jeder, der ein Suchtproblem hat und aus eigener Kraft nicht mehr weiter weiß und unsere Hilfe wünscht, kann in unsere Gemeinschaft aufgenommen werden. Eltern können ihre Kinder mitbringen. Ebenso ist es möglich, dass Nichtsüchtige aufgenommen werden. Für sie gelten dieselben Regeln und Bedingungen, wie für alle anderen.

2. Für die Aufnahme genügt der Wunsch, nüchtern leben zu wollen

An die Aufnahme ist keine Bedingung geknüpft. Wir verlangen keine Aufnahmegebühr und es ist keine Kostenträgerschaft oder dergleichen nachzuweisen. Es gibt keine Altersbeschränkung. Es findet keine Motivationsprüfung statt. Zu uns kann jeder kommen, wann immer es ihm möglich ist, Tag und Nacht.

3. Jeder ist für seine Nüchternheit selbst verantwortlich

Wir sind bereit, die Verantwortung für unser Reden und Handeln selbst zu tragen. Wir haben aufgehört, die Schuld für unser Versagen in anderen – den Eltern, der Schule, der Gesellschaft, den Umständen usw.– zu suchen. Kein Problem wird gelöst, wenn wir träge darauf warten, dass ein Zuständiger sich darum kümmert.

Unsere drei Grundregeln sind:

4. Keine Drogen oder Alkohol

Abstinenz ist die Voraussetzung für das Gelingen einer erfolgreichen Rehabilitation. Nur ein Mensch, der sich aus der Beherrschung durch die suchtbildende Substanz gelöst hat, kann sich frei entscheiden.
Abstinenz ist keine Frage der Moral. Sie ist das Ergebnis von oft jahrelangen erfolglosen Mäßigkeitsbemühungen. Abstinenz erlöst den Betroffenen vom süchtigen Wiederholungszwang.
Menschen mit Suchtproblemen sind in der Lage, abstinent zu leben. Sie sind nicht hilflos krank.

5. Keine Gewalt oder Androhung von Gewalt

Die Voraussetzung für gedeihliches Zusammenleben ist der Verzicht auf Gewalt zur Lösung menschlicher Konflikte.
Alle Mitglieder der Gemeinschaft nehmen an den mehrmals in der Woche stattfindenden Gruppengesprächen (den sogenannten „Spielen”) teil, in denen alle persönlichen Erfahrungen und Probleme in aller Offenheit und Aufrichtigkeit besprochen werden können.

6. Kein Nikotin

Nikotin macht süchtig und ist gesundheitsschädlich.

Wer gegen eine unserer drei Grundregeln verstößt, schließt sich selbst aus der Gemeinschaft aus und muss gehen.

7. Wir arbeiten und leben zusammen

Wir unterhalten eigene Zweckbetriebe, verwalten und organisieren uns selbst. Die Gemeinschaft bietet ihren Mitgliedern vielfältige Ausbildungs- und Fortbildungsmöglichkeiten.
Wir wohnen, wirtschaften, essen und feiern gemeinsam.
Wir bemühen uns in unserer Gemeinschaft um eine bewusste und gesunde Lebensweise.
Die Kindererziehung ist Gemeinschaftsaufgabe. Wir haben einen eigenen Kindergarten, der sich um die Bedürfnisse der Kinder kümmert und den Eltern stützend zur Seite steht.

8. Wir haben kein persönliches Eigentum

Alles Land, Häuser, alle Produktionsmittel gehören der Gemeinschaft.
Alle Einnahmen fließen in eine Kasse. Aus dieser Kasse werden sämtliche Ausgaben bestritten und jedes Mitglied erhält einen Betrag für den persönlichen Bedarf. Kein Mitglied der Gemeinschaft erhält Lohn oder Gehalt für seine Tätigkeit in der Gemeinschaft.

9. Alle stellen ihre Fähigkeiten und ihre Arbeitskraft der Gemeinschaft zur Verfügung

Jedes Mitglied setzt seine Fähigkeiten uneigennützig zum Wohle der Gemeinschaft ein. Wir geben unser Bestes und teilen unser Wissen und unsere Erfahrungen mit den anderen Bewohnern.
Bei allen Überlegungen und Unternehmungen steht der Gemeinnutz vor dem Eigennutz.

10. Die Gemeinschaft sorgt für den Einzelnen

Die Gemeinschaft stellt allen Mitgliedern einen geeigneten Wohnraum zur Verfügung. Die Mahlzeiten werden für alle zubereitet und gemeinsam eingenommen. Die Gemeinschaft sorgt für die notwendigen Dinge des täglichen Bedarfs. Es ist für jedes Mitglied eine sinnvolle Tätigkeit vorhanden. Jeder hat die Möglichkeit zu lernen, sein Wissen zu ergänzen, und seine emotionalen und schöpferischen Fähigkeiten zu entdecken und zu entwickeln.
Die Gemeinschaft hilft dem Einzelnen, einen Sinn für sein Leben zu finden, Selbstständigkeit zu lernen und verantwortlich für sich und seine Umwelt zu werden.

11. Als Gemeinschaft sind wir mit keiner bestimmten Weltanschauung, Konfession oder Partei verbunden

Als Gemeinschaft lehnen wir jegliche ideologische Festlegung ab, aber wir legen Wert auf Toleranz und Respekt.
Innerhalb des schützenden Rahmens der Gemeinschaft hat jedes Mitglied die Möglichkeit, nach seiner Vorstellung zu leben.
Diese grundsätzliche Haltung sichert unsere Unabhängigkeit.

12. Das Wohlergehen des Einzelnen beruht auf der Einigkeit unserer Gemeinschaft

Einigkeit in unserer Gemeinschaft ist das zu Grunde liegende Prinzip. Sie sichert das Überleben der Gemeinschaft und dient dem Wohle des Einzelnen.
Rücksichtnahme, Mitgefühl, Anteilnahme und Interesse am Mitmenschen sind der Ausgangspunkt aller Überlegungen und Entscheidungen.

 
Frankfurter Allgemeine Zeitung
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