EU investiert in die Suchthilfe
22.08.2007 - "Frankfurter Neue Presse"

Regelmäßige Zuschüsse sichern Möglichkeiten zur Ausbildung und Qualifizierung

Niederrad. Große Freude herrscht in der Kelsterbacher Straße: Der Europäische Sozialfonds (ESF) der Europäischen Union unterstützt in den kommenden Jahren den Niederräder Standort der Suchthilfe Fleckenbühl. Søren Link, Geschäftsführer der gemeinnützigen und mildtätigen GmbH, betrachtet die Zuwendung als „Zeugnis und Bestätigung für eine Arbeit, die wir schon seit Jahrzehnten machen“.
Die Qualifikation süchtiger Menschen ist meistens sehr gering, sie sind früh aus schulischen, beruflichen und sozialen Zusammenhängen ausgeschieden. Marcus Heil, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit, weiß das mit Zahlen für die zurzeit 63 Bewohner in der Kelsterbacher Straße zu belegen. „Zwei Drittel der Leute hier haben keine Berufsausbildung, ein Drittel keinen Schulabschluss“, erklärt er. Ohnehin seien Süchtige, obwohl sie nun drogenfrei lebten, schwer zu vermitteln. „Andererseits haben sie selbst große Hemmnisse, in den Beruf einzusteigen und zu arbeiten.“ Diese Hemmnisse müssten mit intensiven Trainings- und Qualifizierungsmaßnahmen, die besonders auf diesen Personenkreis abgestimmt sind, behoben werden.
Arbeit und Qualifizierung gehören in Fleckenbühl schon immer zum Alltag. Im Laufe der Jahre wurden für die berufliche Integration der Bewohner spezielle Systeme entwickelt. Die Selbsthilfe-Organisation, die es seit 1984 gibt, hält sowohl für Kopf- als auch für Handarbeiter ein umfangreiches Angebot an Arbeits- und Qualifizierungsmöglichkeiten bereit. Fleckenbühl stellt marktnahe Betriebe zur Verfügung wie eine Bäckerei, Einzelhandel in Form des Naturkost-Ladens in der Schwarzwaldstraße und ein Catering. „Aber auch das Haus selbst bietet viele Möglichkeiten zur Qualifizierung wie die Küche, Hauswirtschaft und Verwaltung“, erläutert Marcus Heil.
Wenn Süchtige sich erfolgreich von ihrer Sucht lösen wollten, müssten sie es schaffen, ein selbstständiges Leben zu führen. „Ein wichtiges Element – wenn nicht das wichtigste überhaupt – ist das Erlernen einer Tätigkeit, mit der nicht zuletzt der Lebensunterhalt bestritten werden kann“, betont Søren Link. „Dadurch werden Selbstheilungskräfte mobilisiert und Selbstständigkeit entscheidend gefördert.“ Allein schaffe der Betroffene dies meistens nicht, er benötige Hilfe – Hilfe zur Selbsthilfe.
„Diese Hilfen sind nie kostenfrei zu leisten“, so Link weiter. Obwohl es ein dichtes Netz an Fördermöglichkeiten und ein differenzierte Träger für Problemgruppen des allgemeinen Arbeitsmarktes gebe, seien die Angebote für Menschen mit Suchtproblemen oft nicht geeignet. Deshalb hat das Land Hessen mit dem Europäischen Sozialfonds ein Förderprogramm namens „Perspektive“ aufgelegt. Über dieses Programm werden Maßnahmen gefördert, die sich auf die berufliche Integration von süchtigen Menschen konzentrieren. Insgesamt werden 20 Bewohner der Kelsterbacher Straße die Möglichkeit haben, an der besonderen Qualifizierung innerhalb des ESF-Förderprogramms teilzunehmen.
Zurzeit ist Fleckenbühl dabei, ihre Möglichkeiten zur Ausbildung umzustellen. „Früher konnten die Bewohner bei uns auch eine duale Ausbildung starten, indem sie zur Berufsschule gegangen sind und in einem unserer Betriebe gearbeitet haben“, erzählt Marcus Heil. In Zukunft sollen sie zwar weiterhin ihre praktischen Erfahrungen bei der Suchthilfe sammeln können, der theoretische Teil werde ihnen jedoch in Seminaren vermittelt.
„Zum einen sind viele unserer Bewohner nicht mehr im klassischen Ausbildungsalter. Auf diese Weise müssen sie zum Beispiel nicht als 30-Jähriger zwischen lauter 16-Jährigen in der Berufsschule sitzen.“ Zum anderen könnten sie sich aber so einzelne Bausteine der theoretischen Ausbildung aneignen, ohne gleich die kompletten drei Jahre absolvieren zu müssen. Für jedes einzelne Seminar gebe es ein entsprechendes Zertifikat. (af)
Weitere Infos gibt es in der Suchthilfe, Kelsterbacher Straße 14, unter www.suchthilfe.org im Internet.
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Autor: Andreas Flender
Fotos: Marcus Heil
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Frankfurter Neuen Presse, Tageszeitung für Frankfurt am Main
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