Drogenfrei leben nach strengen Regeln

14.07.2007 - "Frankfurter Allgemeine Zeitung"

In der Küche können sich die ehemals Abhängigen auf eine Berufsausbildung vorbereiten
Das Haus bietet bis zu 100 ehemals Süchtigen Platz
Auch Bio-Produkte gehören zum Fleckenbühler Sortimen
Die Bäckerei der Suchthilfe Fleckenbühl in Frankfurt
Im Haus der Suchthilfe Fleckenbühl besteht die Therapie aus Abstinenz und sinnvoller Arbeit

Die Gier nach Alkohol, Tabletten oder Opiaten lässt Menschen oft vergessen, was ihnen einmal wichtig war – eine harmonische Familie, ein gemütliches Zuhause oder eine interessante Arbeit zum Beispiel. Doch bis Abhängige sich ihre Sucht eingestehen und den Entschluss für eine Kehrtwende im Leben fassen, können Jahre vergehen. Für einen Neuanfang ist es zwar nie zu spät, doch hat die Krankheit das soziale Umfeld dann oft schon zerstört. Viele Süchtige stehen vor dem Nichts – ohne Wohnung, ohne Arbeit und ohne Freunde.

Bei der Suchthilfe Fleckenbühl werden sie nicht von heute auf morgen ein anderer Mensch. Doch ohne langwierige Aufnahmeverfahren finden sie dort sofort ein Dach über dem Kopf, sie haben vom ersten Tag an eine Aufgabe und vielleicht bald auch neue Freunde. Bis vor vier Jahren allerdings war damit zwangsläufig ein Leben auf dem Bauernhof der Suchthilfe Fleckenbühl bei Marburg verbunden. Ein Angebot in der Stadt jedoch fehlte. Erst eine Spendenaktion der F.A.Z. im Winter 2003/2004 trug maßgeblich dazu bei, dass ein Haus in Niederrad gekauft und eine Niederlassung in Frankfurt eröffnet werden konnte. Am Samstag wollen die Bewohner das vierjährige Bestehen dieser Dependance feiern.

Rund 70 Frauen und Männer leben dort

Für eine Neunzehnjährige, die an der Nadel hing, ist die Kelsterbacher Straße 14 längst zu ihrem neuen Zuhause geworden. Eine Zweiundzwanzigjährige, die nächtelang im Rausch von Partydrogen durch Diskotheken zog, wohnt seit zweieinhalb Jahren in dem Haus, das bis zu 100 ehemals Süchtigen Platz bietet. Zurzeit leben dort rund 70 Frauen und Männer mit einem Durchschnittsalter von 33 Jahren. Wie Roland Meyer, Vorstandsvorsitzender des Vereins, berichtet, wurden im Frankfurter Domizil bisher insgesamt 709 Abhängige aufgenommen.
Nicht alle freilich waren bereit, sich auch nur 24 Stunden lang an die strengen Regeln zu halten: keine Drogen, kein Alkohol, auch keine Zigaretten oder Medikamente, die das Bewusstsein verändern. Einige sind wieder gegangen, mit Bemerkungen wie: „Nicht mal rauchen darf ich hier? Darauf habe ich keine Lust.“ Doch statistisch gesehen haben es die Bewohner seit 2003 auf insgesamt mehr als 48.000 „nüchterne Tage“ gebracht. Die durchschnittliche Aufenthaltszeit liegt bei anderthalb Jahren.

Auf dem Bauernhof habe man niemanden abgewiesen, aber nicht selten hätten dort so viele Abhängige gelebt, dass man sich nicht mehr so gut um den Einzelnen habe kümmern können, sagt Meyer. Bei zwei Standorten seien die Bedingungen eben doch sehr viel besser. Die Niederräder haben sich längst an ihre Nachbarn gewöhnt. Anfangs noch etwas skeptisch beäugt, ist die Suchthilfe Fleckenbühl inzwischen gut integriert. Der Weihnachtsmarkt, Gesprächsrunden über suchtspezifische Themen und das „offene Haus“ gehören schon zur Tradition.

Möglichkeit der beruflichen Qualifikation

Therapeuten sind bei Fleckenbühl nicht beschäftigt. Süchtige helfen dort Süchtigen, dauerhaft clean zu bleiben und sich auch in Krisen nicht zu betäuben. Ein strukturierter Tagesablauf mit konkreten Aufgaben und verbindlichen Zeiten zum Aufstehen, Frühstücken, Mittag- und Abendessen schafft einen gewissen äußeren Halt. Und so mancher, der zu Hause bei Muttern nie ein Geschirrhandtuch oder einen Putzlappen in die Hand nahm, packt jetzt plötzlich mit an. Nicht selten heißt es: „Zu Hause wurde mir ja alles abgenommen“, oder auch: „Hier sehe ich in solchen Arbeiten endlich einen Sinn.“ Doch es gehe nicht nur darum, die Bewohner zu beschäftigen, sagt Meyer. Von Anfang an bestehe vielmehr die Möglichkeit der beruflichen Qualifikation bis hin zur Prüfung bei der Industrie- und Handelskammer, zum Beispiel als Bäcker, Koch oder Bürokaufmann.

Marcus Heil, verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit, weist darauf hin, dass in Frankfurt neue Arbeitsmöglichkeiten geschaffen worden seien, zum Beispiel in der Bäckerei, bei Möbeltransport und Umzug, beim Buffet-Service, samstags auf dem Niederräder Markt oder im Naturkostladen an der Schwarzwaldstraße. An den Backwaren aus eigener Herstellung kommen Passanten neuerdings kaum noch vorbei, wenn sie die Lobreden eines Fleckenbühlers hören: „Der ist wirklich köstlich. Den müssen Sie probieren.“
Die Frau im Kostüm, die eben noch mit sich rang, ob sie sich ein Stück Obstkuchen am Buffet vor dem Laden gönnen soll, ist dem Charme des Dreiundvierzigjährigen dann doch erlegen. Gut gelaunt, kommunikativ und selbst von der Kuchenauswahl begeistert, ist er der geborene Verkäufer. Weil er dieses Talent früher in die falschen Bahnen lenkte, saß er unter anderem wegen Drogenhandels mehrere Jahre im Gefängnis. Doch das liegt lange zurück. Er strahlt, packt sorgfältig zwei Stück Obstkuchen mit Streuseln ein und verabschiedet eine sichtlich zufriedene Kundin.


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Autorin: Brigitte Roth
Fotos: Wolfgang Eilmes
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