Vollstationäre Suchtselbsthilfe für Jugendliche anstatt U-Haft
20.04.2007

Rudolf (58 Jahre) war 20 Jahre süchtig, jetzt teilt er sich ein Zimmer mit Tim (16 Jahre). 24 Stunden am Tag pulsiert die gelebte Selbsthilfe. Die Jugendlichen werden als Gemeinschaftsmitglieder gebraucht und nicht als Patienten behandelt. Sie sind Teil der Lebensgemeinschaft Leimbach, ihnen wird vom ersten Tag an Verantwortung übertragen. Nicht nur in den Arbeitsbereichen, sondern auch für ihr eigenes, unmittelbares Leben. Die Jugendlichen spüren unmittelbar, „was ich tue hat Konsequenzen, positive oder negative“. Rund um die Uhr stehen Gesprächspartner für die Jugendlichen zur Verfügung. Innerhalb der Jugendhilfe Leimbach gibt es für die erwachsenen Mitarbeiter keinen Feierabend, keinen Schichtwechsel und keine Übergabe. Ein generationenübergreifendes Miteinander und Füreinander, aber auch ein konstruktives Auseinandersetzen auf den spezifischen Spielen“ (Gruppengespräche) lassen scheinbar haltlose Jugendliche ihren Platz in der Gemeinschaft finden. Häufig finden sich Erwachsene und Jugendliche zusammen, die sich durch ähnliche Strukturen und Problemlagen ergänzen und voneinander lernen.
Eine Alternative zur U-Haft, respektive U-Haftvermeidung bietet die Jugendhilfe Leimbach der Suchthilfe Fleckenbühl.
Eine vollstationäre Jugendhilfe mit einem auf die besonderen Bedürfnisse von süchtigen, suchtgefährdeten und delinquenten Jugendlichen zugeschnittenem Konzept. Die Jugendhilfe Leimbach ist keine geschlossene Unterbringung, sondern ein vollstationäres Jugendheim ohne Gitter vor den Fenstern oder Schlösser an den Türen. Diese Tatsache verwundert einige Jugendrichter und Staatsanwälte, wenn ihnen von Leimbach berichtet wird. Die am häufigsten gestellte Frage folgt prompt: „Wie wollen Sie denn vermeiden, dass die Jugendlichen abhauen?“ Die Antwort bedarf einer längeren Ausführung. Zunächst muss zugegeben werden, dass ein Festhalten und Einsperren der Jugendlichen innerhalb einer stationären Jugendhilfe nicht möglich ist. Es kann also augenscheinlich nicht vermieden werden, dass die Jugendlichen „abhauen“. Wie es trotz allem möglich ist, diese Jugendlichen zum „Anhalten“ zu bewegen, wird im Folgenden erläutert.
Die konzeptionelle Basis der Jugendhilfe Leimbach kalkuliert diese Haltlosigkeit und das chronische Gefühl des nicht Beheimatet sein der Jugendlichen mit ein. In Leimbach erhalten die Jugendlichen keinen Behandlungsstatus als Klient, sondern einen Status als „Mitglied der Gemeinschaft“. Die Jugendhilfe Leimbach bietet den Jugendlichen ein Zuhause an, sofern im Anschluss an die U-Haftvermeidung oder U-Haftverkürzung das Jugendamt die Kosten bewilligt.
Ob ein Jugendlicher die Wartezeit bis zur Hauptverhandlung in einer Zelle des Jugendstrafvollzugs verbringt oder innerhalb der Jugendhilfe Leimbach vom ersten Tag an gefordert und gefördert wird, macht einen wesentlichen Unterschied. In Leimbach kann er seinen Habitus der Subkultur nicht aufrechterhalten, im Strafvollzug muss er dies, um sich zu behaupten. In Leimbach wird der Jugendliche ständig reflektiert, während des gemeinsamen Arbeitens, im Zusammenleben und während der „Spiele“ (Gruppengespräche, die dreimal in der Woche stattfinden und jeweils zwischen zwei und drei Stunden dauern).
In Leimbach ist kein Einzelkämpfertum erforderlich, sondern Gemeinschaftsleben an der Tagesordnung. Mehrbettzimmer und ein hohes Maß an Verantwortung für sich und den anderen werden von Tag eins an gefordert.
Häufig sind die Jugendlichen sehr erstaunt über eine Lebensgemeinschaft mit „so alten Junkies“ (alt fängt hier bei 25 Jahren an und hört bei 58 Jahren auf). Eine Lebensgemeinschaft, die nach drei strikten Grundregeln (keine Drogen, keine Gewalt, kein Nikotin) funktioniert und von der selbst die Jugendlichen sich angenommen fühlen. Das Selbstbild aller aufgenommenen Jugendlichen in Leimbach ist das des stigmatisierten „Verlierers“. Als Schulversager, von den Eltern missverstanden, sich als die Erfolglosen im Sinne von normativen Bildungsprozessen fühlend, wandeln sie in jungen Jahren als Einrichtungstouristen durch die Institutionen der Jugend- und Suchthilfe, häufig weiß keiner mehr so recht, wohin mit ihnen. Sie machen im frühen Kindes- und Jugendalter zwischen zehn und zwölf Jahren ihre ersten Erfahrungen mit Rauschzuständen, sei es Cannabis, Alkohol oder Ecstasy. Sie geraten schnell in Szenen, innerhalb derer es sich zu behaupten gilt. Nur wer „kifft“, „säuft“ oder „Teile“ schmeißt, ist „echt cool“. Schule, echte Freunde und Familienleben werden vernachlässigt. Kaum sind sie 15 Jahre alt, berichten sie dem erschrockenen Zuhörer von Straftaten und Lebensumständen, die man sonst nur von langjährigen Schwerstabhängigen kennt. Kinderseelen ohne gelebte Kindheit stecken auf einmal in schlaksigen und pubertierenden Teeniekörpern. Dicke Strafakten türmen sich, das Jugendamt und die Jugendgerichtshilfe machen Druck. Zurück nach Hause können die Jugendlichen auch nicht mehr, denn die Eltern sind völlig überfordert. Die Identität der Jugendlichen ist der Subkultur entliehen und passt in keine herkömmliche Einrichtung der Jugendhilfe. Überall fliegen sie raus, und selbst das Jugendamt sieht sich als nicht zuständig. Noch ratloser und mit Angst, Panik und ohne jedes Vertrauen in sich und die Welt behaftet fühlen sich die Jugendlichen!
Pubertierende Heranwachsende, die keine Zeit hatten, eine Jugend im normalen Sinne zu verbringen, da sie sich zu früh mit der Frage des Überlebens beschäftigen mussten und ihr Leben nach den Regeln der Straße und der Droge verläuft. Den Jugendlichen sind aus ihrer Sozialisation ein „Zurückkommen-Können“ und ein „Willkommen-Sein“ eher fremd sowie mit großer Scham behaftet.
Um diesen Jugendlichen helfen zu können, bedarf es Zeit, Geduld, Respekt, Aufmerksamkeit, klare Strukturen sowie ein Bildungsangebot außerhalb der Norm. Sperrt man sie ein, wird sich ihr selbsterfüllter Stigmatisierungsgrad nur chronifizieren, lässt man ihnen jedoch die Freiheit, sich innerhalb einer stationären Jugendhilfe in ihrem Tempo an ein Leben in Gemeinschaft zu gewöhnen, kann eine altersgerechte Entwicklung nachgeholt werden.
Natürlich kommt es vor, dass Jugendliche während ihres Aufenthaltes innerhalb der Jugendhilfe Leimbach abhauen. Fehlt ein Jugendlicher in der Gemeinschaft, setzt ein routinemäßiger Suchplan ein. Die Erwachsenen als auch die Jugendlichen fahren mit Autos und/oder Fahrrädern los, um den „Vermissten“ zu suchen. In 98 Prozent der Fälle sitzen die Jugendlichen am nächstgelegenen Bahnhof und kommen bereitwillig wieder mit zurück. In 2 Prozent der Fälle rufen einen Tag später die Eltern an und fragen nach, ob sie den Jugendlichen zurückbringen können. Werden die Jugendlichen nach dem Grund ihres Ausreißens gefragt, so ist die häufigste Antwort: „Wollte nur mal nach Hause zu Mama.“ Verlässliche sichere Bindungen suchend sowie die Sehnsucht nach Beheimatetsein scheint genau diese Jugendlichen um- und anzutreiben. Aus Sicht der Jugendhilfe Leimbach sind die „Kollateralschäden“ wie Drogenkonsum, Kriminalität und Delinquenz symptomatische Auswirkungen einer zunächst gescheiterten Sozialisation.
Daher plädieren wir für die Chance einer Sekundärsozialisation in nicht geschlossenen Heimen sowie die Vermeidung, respektive die Verkürzung von Untersuchungshaft inklusive dem Einkalkulieren eines oder mehrerer Abbrüche aus der Jugendhilfe Leimbach. Die langjährig erlebte Realität der Jugendlichen mit Beziehungs- und Wohnortabbrüchen ist ein wesentlicher Bestandteil ihrer inneren Konstitution dar und kann nicht von heute auf morgen „weggeschlossen“ werden. Bietet man diesen Jugendlichen jedoch ein verlässliches Zuhause, das ihnen auch nach Abbrüchen wieder zur Verfügung steht, flacht die Sehnsucht nach dem Weglaufen und Ausbrechen ab. Im Idealfall werden die Jugendlichen sesshaft und beginnen sich ihrer persönlichen Lebensherausforderung zu stellen.
Was ist anders in Leimbach? Alle Mitarbeiter in Leimbach, vom Schreiner bis zur pädagogischen Leiterin sind selbst ehemals Drogenabhängige, Straftäter, Heimkinder oder/und ehemals Inhaftierte. Sie haben einen langen Leidensweg hinter sich und leben authentisch vor, wie es auch abstinent geht. Die mitarbeitenden Erwachsenen sind allesamt „professionelle Suchtselbsthelfer“ mit diversen Fachkompetenzen in den Arbeits- und Ausbildungsbereichen. Die Erwachsenen leben in Leimbach mit den Jugendlichen zusammen. Des Weiteren begleiten die Jugendhilfe Leimbach heilpädagogische Fachkräfte, die sich um das spezielle Schultraining kümmern. Ein Übergang in die über zwölf Ausbildungsberufe der Suchthilfe Fleckenbühl e.V. ist möglich, ohne zuvor einen regulären Schulabschluss gemacht zu haben. Mehrmals im Jahr finden Erlebniswochen statt. Diese umfassen die Bereiche Kunst, Natur und Sport sowie andere Lebenszusammenhängen (Projekte mit Kooperationspartnern). Die (Selbst-)Bildung außerhalb der Norm steht im Vordergrund des ganzheitlichen Ansatzes innerhalb der Jugendhilfe Leimbach. Das „Soziale Lernen am Modell“ (Bandura), ein humanistisches Bildungsideal sowie Elemente der anthroposophischen Bildungstheorie nach Rudolf Steiner stellen die Grundpfeiler dieser außergewöhnlichen Bildungskonzeption dar.
Die Jugendhilfe Leimbach ist eine vollstationäre Heimunterbringung für süchtige, suchtgefährdete und delinquente Jugendliche im Alter zwischen 14 und 21 Jahren. Die Belegung erfolgt nach den Richtlinien des SGB VIII § 27 i.V.m.; § 34; § 35 a; § 41; § 27.3 i.S.v. und § 13.2 SGB VIII.
Des Weiteren kann die Jugendhilfe Leimbach nach den Paragraphen § 71.2 sowie § 72.4 (U-Haftverkürzung, U-Haftvermeidung) des Jugendgerichtsgesetzes belegt werden, sofern die Kosten bis zur Hauptverhandlung von der Justiz getragen werden.
Die Suchthilfe Fleckenbühl e.V. ist nach § 35 BtmG anerkannt.
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Autorin: Silvia Vater
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