Mit Bäckerlehre in ein drogenfreies Leben
15.02.2007 - "Frankfurter Allgemeine Zeitung"

Suchthilfe Fleckenbühl erweitert Ausbildungsangebot für ehemalige Abhängige / Verkauf in Niederrad

Wenn die meisten Menschen sich längst von der Arbeit erholen, fängt sie für Ralf Fersing und Uwe Lehnen gerade erst an. Punkt 22 Uhr stehen sie in der Bäckerei der Suchthilfe Fleckenbühl in Niederrad, damit am nächsten Morgen 20 Brotsorten, Brötchen, Kuchen und Teilchen fertig sind. Das Naturkost-Geschäft an der Schwarzwaldstraße führen die Fleckenbühler seit Ende 2003, die direkt angrenzende Bäckerei erst seit kurzem. Vorher wurden die Demeter-Backwaren in der Nähe des Hofs Fleckenbühl bei Marburg hergestellt. Mit dabei damals wie heute: Bäckermeister Fersing, der einst selbst gegen die Drogensucht kämpfte, seit seiner Ankunft auf dem Hof Fleckenbühl 1990 aber nie wieder Rauschgift angerührt hat und jetzt anderen mit ähnlichem Schicksal hilft, clean zu werden und vor allem zu bleiben.
Dazu soll unter anderem die berufliche Qualifikation beitragen. Vom Umzug der Bäckerei ins Rhein-Main-Gebiet erhoffen sich die Fleckenbühler mehr Umsatz und damit die Möglichkeit, mehr ehemalige Süchtige zum Bäcker auszubilden - so wie einst den heute 42 Jahre alten Fersing. Er wollte nach mehreren vergeblichen Versuchen, von Heroin und Kokain loszukommen, endlich etwas "Gescheites" im Leben machen, sagt Fersing, der sich Details seiner Vergangenheit nur noch ungern ins Gedächtnis ruft. Denn rückblickend bereut er die "verlorene Zeit", in der er viele Menschen enttäuschte, sich zudröhnte, statt zu studieren, was er eigentlich gerne getan hätte. Viel lieber spricht er über die Gegenwart, über seinen Beruf, seine Ehe und seine Kinder, über Erziehung, Umwelt oder Politik.
Der 30 Jahre alte Lehnen baut sich gerade eine Zukunftsperspektive auf, auch er will einmal Bäcker werden. Zwar hat er vor vielen Jahren eine Ausbildung zum Elektriker absolviert. Doch weil er damals Drogen nahm und seinem Chef das nicht verborgen geblieben war, wurde er nicht übernommen. Arbeitslos lungerte er zu Hause bei seiner Mutter herum, die er auch noch bestahl, um seine Sucht zu befriedigen. "Dafür schäme ich mich", sagt er heute. Auch er hatte mehrere vergebliche Therapieversuche hinter sich, bevor er im Alter von vierundzwanzig auf dem Hof Fleckenbühl landete.
Doch noch mehrmals siegte die Sucht über seine damals nur halbherzige Absicht, sie zu überwinden, zum Beispiel, weil sich der ehemalige Düsseldorfer Fastnacht einfach nicht ohne Alkohol vorstellen konnte. Anlauf Nummer drei scheiterte dann kurz vor seinem ersten "nüchternen Geburtstag" - diesmal aus Angst vor der bevorstehenden Zahnbehandlung, wie er meint. Neun Zähne hätten ihm gezogen werden sollen. Da habe er sich zum Spaziergang abgemeldet und sei gleich weggeblieben. Bis er nach Monaten das Leben auf der Straße satt hatte und doch zurückkehrte. Diesmal blieb er dreieinhalb Jahre. Doch verstieß er gegen eine eherne Regel der Fleckenbühler, indem er heimlich Zigaretten rauchte, schließlich ertappt wurde und die Einrichtung deshalb verlassen musste. Prompt kippte er etliche Flaschen Bier hinunter. Aber es blieb bei diesem kurzen Intermezzo, und er fand abermals den Weg zurück. Das ist jetzt gut ein Jahr her.
Die Arbeit in der Bäckerei macht ihm nach eigenen Worten Spaß. Diesmal will er durchhalten. In Fersing hat Lehnen einen Menschen gefunden, mit dem er sich versteht, der in gewissem Sinn auch Vorbild für ihn ist. "Ich möchte anderen helfen, auch ihren Weg zu finden", sagt Fersing. Deshalb bleibe er als angestellter Bio-Bäcker bei der Suchthilfe Fleckenbühl. Doch hat er längst eine eigene Wohnung, wo er mit Frau und Kindern lebt. Sein Arbeitsplatz jedoch bleibt in der Bäckerei, wo er mit sieben Mitarbeitern täglich Demeter-Erzeugnisse herstellt, die zum Großteil in Niederrad verkauft werden. Auch "Querbeet" in der Kleinmarkthalle werde bereits mit den Produkten beliefert. Doch einen Kundenstamm im Rhein-Main-Gebiet baue man sich erst noch auf.
Lehnen hat in der Bäckerei inzwischen Verantwortung übernommen. Er kümmert sich um die Bestellung, den Einkauf von Zutaten und bereitet die Produktion vor. Die Ausbildung soll Grundlage für ein Leben werden, in dem an die Stelle von Drogen andere Werte rücken.
BRIGITTE ROTH
Die Bäckerei, Schwarzwaldstraße 1, ist montags bis freitags von 7.30 bis 12.30 Uhr und von 13.30 bis 18.30 Uhr geöffnet, samstags von 7.30 bis 13 Uhr.
INFOS ZUM ARTIKEL |
 |
|
|
Autorin: Brigitte Roth
Alle Rechte vorbehalten. (c) F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
Fotos: Marcus Heil
|
|
|
LINKS ZUM ARTIKEL |
| |
|
|