"Cannabis ist eine hammerharte Droge"
18.04.2006 - "Marburger Neue Zeitung l Jugendrubrik X@ct - Mittelhessens junge Seite"

Auf dem Hof der Jugendhilfe Leimbach bekämpfen Jugendliche ihre Sucht

Marburg/Willinghausen. Leimbach ist für normale Jugendliche ein Albtraum. Hier ist nun wirklich gar nichts los. Gerade eine Handvoll Häuser hat der Ortsteil der Gemeinde Willinghausen (Schwalm-Eder-Kreis). Kein Kino. Keine Disco. Kein Jugendclub. Und genau deshalb sind Frederik (18, Name geändert) und Florian (15) hier. Weil es hier nichts gibt. Keinen Alkohol. Keine Zigaretten. Keine Drogen. Die beiden Jugendlichen bekämpfen auf dem Bauernhof der Jugendhilfe Leimbach ihre Sucht. X@ct durfte die beiden dort besuchen.
Der Hof der Jugendhilfe ist kein Krankenhaus. Es gibt keine weißen Kittel. Keine gekachelten Wände. Es gibt Power Walking. Jeden Mittag. Das ist Pflicht für die fünf Jungs und das Mädchen, die hier zurzeit leben. Sie rennen durch die Felder. „Es macht nicht immer Spaß. Manchmal denke ich: Nicht schon wieder", sagt Florian. Aber die Jugendlichen gehen auch Schwimmen, können die Bibliothek nutzen, machen Ausflüge. Außerdem gibt es Projektwochen. Wie die Forstwoche im vergangenen Winter. Die Jugendlichen haben freiwillig ein Waldstück aufgeräumt. „Wir haben in Zelten übernachten bei Minus zehn Grad ", sagt Florian. Er hört sich ziemlich stolz an. In Leimbach gibt es Abenteuer.
Keine Schule. Keine Hausaufgaben. „An jeder Schule gibt es Drogen", sagt Silvia Vater, die pädagogische Leiterin der Einrichtung. Wenn die Jugendlichen mit Drogen in Berührung kommen, werden sie vielleicht wieder rückfällig. Deshalb gehen sie nicht zur Schule. Stattdessen wird gearbeitet. Das ist Pflicht. Frederik steht um sechs Uhr morgens auf. Er hilft beim Frühstückmachen für 17 Personen. Um acht Uhr morgens beginnt sein Arbeitstag. Er arbeitet in der Gärtnerei der Einrichtung. „Das ist genau mein Ding." Sähen, Graben, Ernten. Die Arbeit auf dem Feld oder im Gewächshaus sei körperlich anstrengend. „Aber genau deshalb mache ich sie ja. Das tut mir einfach gut." Florian weiß noch nicht so recht, ob er in er Schreinerei oder in der Gärtnerei arbeiten will. Zwischen zwölf verschiedenen Berufen können die Jugendlichen während ihres Aufenthaltes bei der Jugendhilfe Leimbach wählen. Sie können Praktika machen und die Berufe auf diese Weise kennen lernen.
Keine Ärzte. Keine Lehrer. Keine Psychologen. „Alle Erwachsenen, die hier arbeiten, sind ehemalige Süchtige", sagt Vater. Frederiks Chef ist ausgebildeter Landwirt und Landschaftsgärtner - und war ebenfalls süchtig. „Es ist besser, wenn die Leute wissen, wie das ist, süchtig zu sein", sagt Florian. „Außerdem lernen wir, wie das enden kann mit der Sucht", sagt Frederik. Zum Beispiel im Gefängnis. Angefangen hat es bei Frederik mit 14. „In der Schule haben ein paar Leute Cannabis (Überbegriff für Haschisch und Marihuana, Anmerkung der Redaktion) konsumiert", erzählt er. Aus Neugier habe er dann auch mal einen Joint geraucht. Erst waren es Joints, dann Alkohol. „Ich habe überhaupt nicht mehr auf meine Ernährung geachtet. Manchmal habe ich zwei Döner am Tag gegessen und sonst nichts. Oder nur Süßigkeiten und Eistee." Essen war Nebensache, Joints rauchen war Hauptsache. Irgendwie habe er es bis zum Ende der zwölften Klasse durchgehalten. Dann ging es nicht mehr weiter. Er selbst wollte mit den Drogen aufhören und hat sich deshalb an die Suchthilfe Fleckenbühl gewandt. In deren Jugendhilfe-Einrichtung in Leimbach ist er vor sechs Monaten untergekommen. „Der Entzug war körperlich nicht so schwer, aber psychisch schon. Ich hatte ständig das Gefühl: Mir fehlt irgendwas." Außerdem sei er unruhig gewesen, hatte Depressionen, war verwirrt. „Cannabis ist eine hammerharte Droge. Das wird oft verharmlost", sagt Silvia Vater. Bevor Florian nach Leimbach kam, hatte er vier Jahre in einem Jugendheim gelebt. „Ich habe dort alle Regeln mißachtet, die Schule geschwänzt, hatte eine Strafanzeige wegen Diebstahls", sagt der 15-Jährige. Weil das Jugendheim nicht mehr mit ihm fertig wurde, musste er gehen. Und kam nach Leimbach. „Ich bin freßsüchtig, habe geraucht und getrunken. Bin suchtgefährdet", sagt Florian. Seit Dezember des vergangenen Jahres ist er hier. „Ich sehe ein, dass ich viel Scheiß gemacht habe. So geht das nicht mehr." Florian ist einsichtig. Ist das denn normal bei einem ehemals süchtigen Jugendlichen? „Es gibt hier auch noch andere. Die müssen noch kämpfen", sagt Vater.
Kein Alkohol. Keine Joints. Keine Zigaretten. „Wenn man es schaffen will, dann schafft man es auch. Das ist eine Kopfsache", sagt Florian. Frederik führt seit sechs Monaten ein drogenfreies Leben. Das sind die Bedingungen für die Jugendlichen, die in Leimbach bleiben wollen. Und Frederik will bleiben. „Ich habe hier ein Zuhause gefunden. Außerdem habe ich hier eine Zukunft."
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Autorin: Carmen Schmidt
c.schmidt@mittelhessen.de
Fotos: Marcus Heil, Maritta Zeymer
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