"Mein neues Leben ohne Drogen"

17.10.2005 - "Bild der Frau"

Michaela hat ihr Glück gefunden! Und genießt jetzt das Leben mit Sarah (3)
Und mit Freund Francesco (31)
Arbeit ist ein Muß: Michaela bedient täglich im Hofladen
Richtig idyllisch im Fachwerkstil: Das Haupthaus von "Hof Fleckenbühl". Seit 20 Jahren leben hier Süchtige
Auch Kühe, Schweine und Ziegen gehören zum Hof
Julian (6), Janina (3) und Sarah (3) in der Hof-Kita
Leben auf dem Hof: Sabine (37), Freund Thomas (47) und Tochter Precious
Die Arbeit in der Töpferei macht Daniela (23) viel Spaß
"Hof Fleckenbühl" war schon für viele Süchtige die letzte Rettung - auch für Michaela (32):

150 Menschen leben und arbeiten zur Zeit auf Hof Fleckenbühl bei Frankfurt. Sie alle waren abhängig: von Heroin, Alkohol, Koks oder Ecstasy. Heute sind die "hoffnungslosen Fälle" clean. Und helfen sich gegenseitig bei ihrem neuen Leben ohne Drogen

Zärtlich knuddelt Michaela (32) mit Töchterchen  Sarah (3). "Ich danke dem lieben Gott dafür, dass er mir ein gesundes Kind geschenkt hat", sagt sie und strahlt. Dass Sarah lebt und sogar bei ihr – für Michaela ist das keine Selbstverständlichkeit.
"Jahrelang stand ich mit einem Bein im Grab", erzählt die junge Frau aus Düsseldorf. Sie ist 15, als sie auf einer Party den ersten Vollrausch hat. Ein Jahr später probiert sie in der Clique Hasch, später Tabletten. Mit 17 wird sie das erste Mal schwanger. Mit 19 bringt sie ihre zweite Tochter zur Welt. Und kriegt wenig später von ihrem damaligen Freund das erste Mal Heroin angeboten. "ich hab's genommen und hatte plötzlich ein ruhiges Gefühl. Der ganze Stress ist von mir gefallen", schildert sie.

"Immer wieder rückfällig geworden"

Der Konsum nimmt immer mehr zu. Um die Töchter kümmern sich Mutter und Oma. "Um an Drogen zu kommen, bin ich sogar kriminell geworden“, flüstert Michaela. Der Richter stellt sie vor die Wahl: Gefängnis oder Therapie. 1997 macht sie die erste, vier Jahre später die zweite. "Ich bin immer wieder rückfällig geworden."
2001 ist Michaela wieder schwanger, geht im 7. Monat zur Entgiftung. "Auf der Station habe ich einen Flyer von der Suchthilfe Fleckenbühl in die Finger gekriegt. Ich wusste: Dieser Hof ist meine letzte Chance", sagt sie. Im Mai 2002 wird Sarah geboren, zwei Monate später sitzt Michaela mit ihrem Baby im Zug nach Cölbe-Schönstadt - sie ist unterwegs zum Hof Fleckenbühl. Sie wird wie jeder Süchtige, der hier vor der Tür steht, aufgenommen.
Seit inzwischen 21 Jahren gibt es die Selbsthilfe-Organisation nahe Frankfurt. Damals zogen 12 Ex-Süchtige auf den hessischen Hof, kauften mit Unterstützung von Bund, Land und Sponsoren das Gut inklusive 240 Hektar Landwirtschaftsfläche.

"Willkommen ist jeder, der clean werden will"

Heute leben hier 150 Männer, Frauen und Kinder. "Unser Projekt ist bundesweit einmalig", erzählt Geschäftsführer Ronald Meyer (54). Das Besondere: Jeder, der den Wunsch hat, clean zu werden, ist willkommen. Einzige Bedingung: Keine Drogen , keine Gewalt , keine Zigaretten. Ärzte und Therapeuten gibt es auf dem Hof Fleckenbühl nicht. "Nicht der Entzug ist die eigentliche Hürde", weiß Meyer. "Das Problem ist, hinterher im Alltag nicht wieder mit den Drogen anzufangen." Deshalb dürfen die Bewohner solange im „Schutz“ des Hofes bleiben, wie sie wollen. "Im Schnitt dauert es ein bis zwei Jahre, bis man die Sucht im Griff hat." Von den Süchtigen die kommen, flüchtet die Hälfte allerdings innerhalb der ersten zehn Tage wieder. Meyer: "Vielen sind die Regeln zu streng." Neulinge werden erst mal in Gruppenzimmern untergebracht, dürfen ein halbes Jahr keinen Kontakt zu Familie und Freunden haben, müssen Tische decken, putzen, abwaschen. Auch Michaela wollte wieder weg! "Aber ich wusste keine Alternative. Heute bin ich froh, geblieben zu sein. Es war die beste Entscheidung meines Lebens."

"Erst hier habe ich gelernt, Mama zu sein"

Gemeinsam mit Sarah und Freund Francesco (31), den sie hier kennen gelernt hat, lebt Michaela in einer kleinen Wohnung. Zu ihren großen Töchtern (12 und 14), die bei der Tante aufwachsen, hat sie regelmäßig Kontakt. "Sie besuchen mich sogar in Ferien", erzählt sie und lächelt glücklich. "Erst hier hab ich gelernt eine richtige Mama zu sein."
Und regelmäßig zu arbeiten: Täglich von 8 bis 16 Uhr - Sarah spielt in dieser Zeit im hofeigenen Kindergarten - steht sie im Hofladen und bedient Kunden. Meyer: "Jeder hier muss was tun. Wer neu ist, macht Praktika in den verschiedenen Betrieben." In der Käserei zum Beispiel, Metzgerei, Töpferei, Bäckerei oder im Umzugsunternehmen.
"Unsere Betriebe erwirtschaften die Hälfte unserer Kosten. Den Rest finanzieren wir mit Zuschüssen vom Land, Spenden und dem Arbeitslosengeld 2 der Bewohner." Die bekommen „nur“ Taschengeld, das mehr wird, je länger sie auf dem Hof leben.

"Ohne den Hof wäre ich längst tot"

Bei Sabine (37) sind das inzwischen 200 Euro monatlich. "Mehr brauche ich auch nicht. Schließlich muss ich hier keine Lebensmittel und Hygieneartikel kaufen. Man wird mit allem versorgt." Seit acht Jahren lebt sie auf Hof Fleckenbühl. "Wäre ich nicht hier, wäre ich wahrscheinlich schon tot", sagt sie. Aufgewachsen im Heim, mit 14 erste Drogenerfahrungen, kriminelle Freunde: "Ecstasy und Kokain gehörten für mich schnell dazu. Drogen fand ich geil", sagt sie.
Aber sie machen Sabine kaputt. Keinen Job, keine Wohnung behält sie lange. "Manchmal war ich sieben Tage am Stück wach. Habe gedealt, war obdachlos. Wusste nicht mehr, ob Tag oder Nacht war. Wurde depressiv. Und irgendwann wusste ich: So kann ich nicht mehr leben."
Diese Einsicht ist ihre Rettung. Jedes Jahr am 20. März feiert sie jetzt ihren „Cleangeburtstag“. Das ist der Tag, an dem sie auf  Hof Fleckenbühl angekommen ist. "In zwei Jahren  habe ich mein Zehnjähriges", erzählt sie stolz. Hier wegzugehen – das kann sie sich kaum vorstellen. "Hier ist mein Zuhause, hier fühle ich mich sicher." Auf dem Hof hat sie sich in Thomas verliebt, der in der Metzgerei arbeitet. "Wir leben zusammen. Ich habe Arbeit. Es ging mir noch nie so gut wie jetzt. Ich weiß nicht, ob ich „draußen“ so gut klarkommen würde. Wenn ich hier mal einen Durchhänger habe, finde ich immer Gleichgesinnte zum Reden. Das hilft so gut!"

"Meine Tochter soll stolz auf mich sein"

Richtig glücklich ist sie auch darüber, dass ihre Tochter Precious (15) wieder bei ihr wohnt. Als Baby hatte Sabine ihre Tochter zu einer Pflegemutter gegeben: "Ich habe noch zwei weitere Kinder. Eine 16jährige Tochter, die bei ihrem Vater in den USA lebt und zu der ich leider keinen Kontakt habe. Und einen 18jährigen Sohn, der bei Pflegeeltern ist."
Ob sie eine Rabenmutter war? "ich wusste es nicht besser", sagt sie. Zu Tochter Precious ist der Kontakt aber nie abgerissen. Und vor fünf Jahren ist das Mädchen zur Mutter gezogen. "Natürlich ist es für sie nicht immer leicht hier zu leben. Aber ich hoffe, dass meine Tochter irgendwann sagt: "Meine Mama hat's geschafft, ich bin stolz auf sie."

"Ich bin sogar anschaffen gegangen"

Bis dahin ist es für Hofbewohnerin Daniela (23) noch ein weiter Weg. Sie macht gerade ein Praktikum in der Töpferei." Ich bin erst seit vier Monaten hier", erzählt die Mama von Janina (3), die im Kindergarten tobt. Danielas „Drogenkarriere“ beginnt mit 13: "Ich hatte viele ältere Freunde, bin durch sie ans Kokain geraten." Nur in der Schwangerschaft hört sie damit auf. "Aber kaum hatte ich abgestillt, hing ich wieder drin. Um meine Sucht zu finanzieren, bin ich anschaffen gegangen. Und habe dann, genau wie mein Freund, Heroin genommen." Ihre Augen füllen sich mit Tränen.

"Mein Freund ist an den Drogen gestorben"

Er hat auch versucht, von den Drogen loszukommen. Weil man hier nicht als Paar herkommen darf, war er in einer anderen Einrichtung. Und ist bei Entgiftung gestorben", erzählt sie. "Sein letzter Wunsch war, dass ich es schaffe, ohne das Zeug zu leben."
Dafür kämpft sie jetzt jeden Tag. Und ist auf dem besten Weg. 13 Kilo hat Daniela schon zugenommen. "Und auch Janina blüht hier richtig auf. Für sie muss ich stark sein. Sie ist doch das Einzige, was ich noch habe.“ Zukunftspläne? Die traut sich Daniela noch nicht so richtig zu. "Vielleicht mal eine Ausbildung machen." Erst mal denkt sie nur von einem Tag zum anderen. "Denn hier zu sein, das ist für mich im Moment das fast perfekte Leben."

„Jeder darf bleiben, solange er will“
Die Suchthilfe Fleckenbühl bietet Wohnung, Kleidung und Arbeit in einer drogenfreien Umgebung. Jeder Süchtige kann Tag und Nacht kommen - und bleiben, so lange er will. Eine Bewerbung und eine Kostenübernahme sind nicht nötig. Mehr Infos: Hof Fleckenbühl, 35091 Cölbe-Schönstadt,Tel.06427/92210,
www.suchthilfe.org.
Seit 2003 gibt es eine weitere Fleckenbühl-Suchthilfe: Bamberger Hof, Kelsterbacher Str.14, 60528 Frankfurt/Main, Tel. 069/9494490. Spendenkonto: Bank für Sozialwirtschaft, Kto.-Nr. 3170900, BLZ 10020500


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Autorin: Stephanie Quandt
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