Platz für Suchtabhängige und ihre Kinder
03.09.2004 - "Frankfurter Rundschau"

Ex-Junkies betreiben Hofgut Fleckenbühl / Externe Kita betreut die meist geschädigten Jungen und Mädchen

Das Kinderhaus des Hofguts
Fleckenbühl bei Marburg ist die einzige staatlich anerkannte
Kindertagesstätte in Deutschland, die von einer Suchthilfeeinrichtung
betrieben wird. Sie soll den Kindern der Abhängigen Halt und Ruhe geben.
Ginseldorf,
2. September - Daniel war gerade geboren, als seine Mutter mit dem
Kinderwagen wieder auf die Szene fuhr, um sich Stoff zu besorgen. Eva
Kuhlen war zwar während der Schwangerschaft clean geblieben, hatte
zuvor aber bereits fast 15 Jahre Heroin gespritzt und viele Jahre im
Frankfurter Bahnhofsviertel vegetiert. "Ich war noch nicht in der Lage,
ein normales Familienleben zu führen", sagt die 46-Jährige heute.
Ihr Sohn war drei Jahre alt, als sie bei auf Hof Fleckenbühl in
Schönstadt landete. Dass sie ihn unproblematisch mitbringen konnte, war
ein entscheidender Grund. Die ständigen Stimmungsschwankungen seiner
Mutter, die er mal auf Droge, mal auf Entzug erlebte, und die Streits
seiner Eltern hatten Daniel zu einem ängstlichen, unsicheren und sehr
zurückgezogenen Kind gemacht. Erst nach Monaten wachte er nachts nicht
mehr weinend auf.
Seitdem hat er sich gut entwickelt, sagt Erzieherin Ute Michel, die
ihn damals noch im Marburger Waldorfkindergarten betreute. Heute ist
Daniel 15 Jahre alt, spielt gut Fußball, pubertiert und besucht die
Waldorfschule. "Ein normaler Junge", meint Michel. Ohne Fleckenbühl
wäre er wahrscheinlich im Heim gelandet, sagt seine Mutter.
Doch der von ehemals Abhängigen betriebene Suchthilfehof hat über
die Jahre festgestellt, dass die immer schon vorhandene, von
Hofbewohnern betreute Kindergruppe nicht ausreicht. Eva Kuhlen, heute
Hausleiterin in Fleckenbühl: "Fast jedes Kind aus einer Suchtfamilie
braucht besondere Förderung." Die Verhaltensauffälligkeiten reichen von
leichten Konzentrationsstörungen bis zu Aggressionen.
Um den Kreislauf besser durchbrechen zu können, wurde vor rund drei
Jahren die Kindertagesstätte eingerichtet, die seit einigen Wochen auch
ein eigenes Domizil abseits des Hofes hat. Wenige Kilometer von
Schönstadt entfernt in Marburg-Ginseldorf hat die aus Krabbelgruppe,
Kindergarten und Hort bestehende Kindertagesstätte aufgemacht. Bislang
- die Kita ist noch im Aufbau - sind erst sieben Kinder da, vier vom
Hof, drei "Externe" aus den benachbarten Gemeinden. Ausgelegt ist sie
jedoch für 30 Mädchen und Jungen, wobei die Mehrheit der Kleinen dann
nicht vom Hof kommen wird. Daneben gibt es eine Tagesgruppe für sechs-
bis 14-jährige Kinder mit besonderem pädagogischen Förderbedarf, die
bislang vier Heranwachsende betreut.
Ute Michel ist inzwischen Leiterin der Kindertagesstätte, die sie
nach den Grundsätzen der Waldorfpädagogik führt. So legt sie Wert auf
den rhythmischen Ablauf am Tag, der immer wieder zur gleichen Zeit
Mahlzeiten, Spielen, Singen, Morgenkreis, Basteln und Ruhezeiten
verspricht. Der feste Ablauf mit seinen Eckpfeilern soll den Kindern
Ruhe und Verlässlichkeit geben - auch als Gegenbild zu ihrem von Chaos,
Stress und Streit geprägten Vorleben. "Das ist die Insel für die
Kinder", sagt Eva Kuhlen: "Um die Eltern kümmern wir uns auf dem Hof."
Anfangs kennt der Nachwuchs bei den Mahlzeiten noch kein Maß, erzählt
Michel. Weil selbst Essen in der Vergangenheit nicht zuverlässig zu
haben war, sind die ersten Monate von Fressneid geprägt. Michel: "Sie
haben kein Gefühl dafür, wann sie satt sind." Damit die Kinder ihren
Körper wieder spüren lernen, spielen sie viel draußen - auch ein
Gegenbild zu ihrer Vergangenheit, in der sie oft stundenlang allein vor
dem Fernseher blieben. Tätigkeiten wie Kochen, Backen und Waschen
gehören zur Arbeit in der Kindertagesstätte, gerade weil viele der
kleinen Hofbewohner den Alltag einer Familie kaum kennen.
Sehr unterschiedlich reagieren die Mädchen und Jungen auf die Sucht
ihrer Eltern. Viele ziehen sich ganz in ihr Schneckenhaus zurück.
Andere werden völlig distanzlos, um überhaupt Beachtung zu gewinnen.
Viel Nähe brauchen sie fast alle. Welche Ängste sie in der
Vergangenheit haben aushalten müssen, zeigt sich oft an Kleinigkeiten.
Steht Ute Michels Auto einmal nicht am gewohnten Platz an der Straße,
sorgen sie sich gleich um die Erzieherin. Manche der Kinder haben in
der ersten Zeit noch viel mit Krankheiten zu kämpfen. So war die
zweijährige Sarah in den ersten Monaten ihres Lebens fast dauernd
krank. Ihre Mutter war während der Schwangerschaft mit Methadon
substituiert worden.
Unterstützung bei der Erziehung brauchen auch die Eltern, für die es
häufig Gespräche und Treffen gibt. Die Suchtkranken, die oft selbst
eine von Missbrauch, Vernachlässigung oder Sucht ihrer Eltern geprägte
Kindheit hinter sich haben, wüssten oft nicht, wie man Nachwuchs
behütet.
HINTERGRUND
Suchthilfe für jeden Der "Hof Fleckenbühl" ist eine
Selbsthilfegemeinschaft, in der fast ausschließlich Süchtige leben und
arbeiten. Im Gegensatz zu den meisten Einrichtungen wird jeder
Hilfesuchende sofort aufgenommen. Es gibt keine Wartelisten, es werden
keine Kostenübernahmebescheinigungen verlangt. Einzige Voraussetzung:
keine Drogen, kein Alkohol, keine Medikamente, keine Gewalt, kein
Tabak. Wer auch nur mit einer Zigarette auf dem Hof erwischt wird, muss
wieder gehen. Zudem werden die Neuankömmlinge sechs Monate lang von der
Außenwelt - selbst den Eltern - abgeschirmt.
Jedes Jahr klopfen rund 600 Süchtige in der 700 Jahre alten
Gutsanlage bei Marburg an. Viele sind aber schon nach den ersten Tagen
wieder fort. "Zur Sucht gehört der Rückfall", sagt Eva Kuhlen. Rund 130
Menschen leben zur Zeit in der Einrichtung, die vor 20 Jahren von der
Berliner Suchthilfeorganisation Synanon gegründet wurde, inzwischen
aber organisatorisch getrennt ist. Die Gemeinschaft finanziert sich
durch die Erlöse aus den Zweckbetrieben, Spenden, Bußgeldauflagen der
Gerichte sowie Zuwendungen der öffentlichen Hand.
Das 230 Hektar große Land wird nach biologisch-dynamischen
Richtlinien bewirtschaftet. Der Demeterbetrieb hat eine eigene Käserei,
eine Vollkornbäckerei, eine Töpferei, eine Wäscherei sowie
Naturkostläden in Frankfurt, Marburg und auf dem Hof. Sogar anerkannte
Ausbildungen, etwa als Bäcker, Gärtner oder Landwirte, sind möglich.
Die Fleckenbühler Küche bietet Buffets für Hochzeiten und Geburtstage.
Dazu kommt ein Transport- und Umzugsunternehmen.
2003 hat die Suchthilfe Hof Fleckenbühl ein zweites Haus im
Bamberger Hof in Frankfurt-Niederrad aufgemacht, das Platz für 60 bis
80 Menschen bietet. Heute und morgen feiert die Einrichtung ihr
Jahresfest. Ministerpräsident Roland Koch hat sein Kommen zugesagt.
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Autorin: Gesa Coordes
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