Radikal, aber erfolgreich

04.09.2004 - "Frankfurter Allgemeine Zeitung"

Roland Koch während seiner Rede beim Jahresfest. Der Ministerpräsident findet Fleckenbühl für die hessische Sozialpolitik eine sehr wichtige Einrichtung, weil sie vielen Süchtigen die Rückkehr ins Arbeitsleben ermögliche
20 Jahre Suchthilfeverein Fleckenbühl / Lob von Ministerpräsident Koch

Fleckenbühl sei radikal, meint der Vereinsvorsitzende Ronald Meyer, und zwar in zweierlei Hinsicht: Völlige Abstinenz werde von den Süchtigen erwartet - das Verbot umfasse Drogen, aber auch Zigaretten und sogar Medikamente, die die Schmerzen des Entzugs mildern könnten. Außerdem sei jeder Betreute für seine Enthaltsamkeit selbst verantwortlich: Es sei keine Schande, süchtig zu sein, aber eine, nichts dagegen zu tun. "In der Szene sind wir aufgrund unserer Radikalität nicht die Beliebtesten."

Rund 10 000 Abhängige wurden seit 1984 von der Suchthilfe Fleckenbühl betreut, die gestern in Anwesenheit von Ministerpräsident Roland Koch (CDU) ihr zwanzigjähriges Bestehen in ihrem Niederrader Domizil feierte. Und jedes Jahr würden es mehr, so Meyer. Zahlen, wie viele später wieder rückfällig wurden, gebe es nicht. "Wir messen unseren Erfolg in nüchternen Tagen, die Süchtige bei uns verbringen. Davon haben wir in den vergangenen 20 Jahren rund 750 000 produziert." Die Betreuung von Drogenabhängigen koste nur ein Drittel dessen, was sonst an gesellschaftlichen Schäden beispielsweise durch Beschaffungskriminalität entstünde. Für den Steuerzahler seien die 220 000 Euro, mit denen das Land Hessen den Verein jedes Jahr unterstütze, deshalb ein "gutes Geschäft". Die Spendenaktion "F.A.Z.-Leser helfen" brachte zusätzlich 208 000 Euro ein, wofür sich Meyer ausdrücklich bedankte.

Auf dem Bauernhof Fleckenbühl in der Nähe von Marburg leben 170 Süchtige in einer Art Kommune und planen selbständig ihren Alltag. Sie betreiben biologischen Ackerbau, Viehwirtschaft, stellen Käse, Brot und Keramik her und bieten für Umzüge und Transporte ihre Dienste an. Jedem Bewohner wird außerdem eine Ausbildung ermöglicht. Aus Abhängigen ohne Perspektive werden in Fleckenbühl IT-Kaufleute, Köche, Molkereifachleute oder Land- und Viehwirte. Andere holen ihren Schulabschluß nach oder erwerben den Führerschein. Seit zwei Jahren werden auch die Kinder süchtiger Eltern betreut. Im Sommer startete im Schwalm-Eder-Kreis ein weiteres Projekt zur Behandlung suchtkranker Jugendlicher.

Ministerpräsident Koch lobte die "Prinzipienstärke", mit der die Fleckenbühler ihren "mutigen Ansatz" seit der Gründung durchgehalten hätten. Für die hessische Sozialpolitik sei der Verein eine sehr wichtige Einrichtung, weil er vielen Süchtigen die Rückkehr ins Arbeitsleben ermögliche, so Koch.

Auch der ehemalige hessische Sozialminister Armin Clauss (SPD) hält die absolute Enthaltsamkeit für den richtigen Weg: In seiner Amtszeit habe er den Umzug des Vereins von Berlin nach Hessen unterstützt. Die Erfolgsaussichten etwa von Methadonprogrammen, in denen Heroinsüchtigen eine weniger schädliche Ersatzdroge zur Verfügung steht, müßten mittlerweile "realistisch eingeschätzt" werden.


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