Nach Jahren der Abhängigkeit beginnt ein neues Leben
03.06.2004 - "Frankfurter Allgemeine Zeitung"

Auf dem Hof Fleckenbühl hat Torsten Geier zu sich gefunden: Der angehende Molkereifachmann betreut dort die Käserei.

Liebevoll wiegt er den rötlichen Käselaib in den Händen, riecht
daran und legt ihn zurück ins Regal. "Je länger er liegt, desto
würziger der Geschmack", sagt Torsten Geier, der seit 1997 auf dem Hof
Fleckenbühl wohnt und in der Käserei arbeitet. Es ist kalt und feucht
im Lagerkeller der Käserei, und die unheimliche Ruhe wird nur selten
durch einen kurzen Zischlaut unterbrochen. "Unser Fliegentöter", sagt
er. Das ist ein kleines Metallgerät, das dafür sorgt, daß Fliegen im
Käselager keine hohe Lebenserwartung haben. Seit Dezember 2003 wird
eine reiche Auswahl dieser Käsesorten im Hofladen in Niederrad
verkauft, den ehemals Süchtige vom Bamberger Hof betreiben. Der
Bamberger Hof, den diese Zeitung mit einer Spendenaktion unterstützte,
ist ein Ableger vom Hof Fleckenbühl. Zum Konzept der Einrichtungen
gehört es, daß jeder Bewohner eine Aufgabe übernimmt.
Seine ersten anderthalb Jahre auf Fleckenbühl verbrachte Torsten
Geier jeden Tag im Keller bei der "Käsepflege". Er bestreicht die
frischen Käselaiber mit einer Lösung, die Bakterien gegen
Schimmelbildung enthält. Zudem wendete er jeden Käselaib täglich
mehrmals, so wie es der mit Kreide geschriebene Zeitplan auf der
Wandtafel vorschreibt. Drei bis sechs Monate müsse der Hartkäse reifen.
Am 27. Oktober 1997 trank Torsten Geier sein letztes Bier und
klingelte an der Tür des Hofs Fleckenbühl. "Störrisch wie ein Esel" sei
er in der ersten Zeit gewesen, erinnert er sich. "Ich ließ mir von
niemandem was sagen." Eigentlich habe er gleich wieder abhauen wollen.
Das ist sechseinhalb Jahre her, und er ist immer noch auf dem Hof. Er
fühle sich wohl und habe seinem Leben neuen Sinn gegeben. Auch die
Arbeit mache ihm Spaß, sagt Geier, der eine dreijährige Ausbildung zum
Molkereifachmann macht und diesen Monat abschließt. Eigentlich wollte
er Tischler werden. Doch vieles ist anders gekommen. Mit 13 Jahren kam
er auf Familienfesten zum ersten Mal in Kontakt mit Alkohol. Schnell
wurde das Trinken zur Gewohnheit und dann zur Sucht. Seine Worte
klingen dumpf im hohen Kellergewölbe und werden vom Raum verschluckt.
"Ich habe Leute aus der rechtsradikalen Szene kennengelernt." Er sei
sonst immer ein Außenseiter gewesen, doch in dieser Gesellschaft fand
er Anerkennung und fühlte sich geborgen. Täglich trafen sie sich am
Bahnhof, betranken sich und verprügelten andere Menschen. "Weinbrand,
Bier, Schnaps, ich war jeden zweiten Tag blau." Er vernachlässigte
seine Lehre, wurde immer öfter wegen Gewaltdelikten von der Polizei
festgenommen.
Schweigend verläßt er den Keller, steigt die Treppe hoch und
blinzelt ins Sonnenlicht. Mit 18 Jahren habe er der Skinheadszene den
Rücken gekehrt, seine Bomberjacke abgelegt und den Alkohol durch
Haschisch, später auch durch Speed, Ecstasy, Amphetamine und Kokain
ersetzt. "Mit diesen Drogen habe ich meinen Frieden gefunden", sagt er,
reinigt seine Gummistiefel und zieht sich eine weiße Schürze über,
bevor er wieder die Käserei betritt.
Ein säuerlicher Geruch weht ihm beim Öffnen der Tür entgegen. Die
Käserei sei nichts für empfindliche Nasen, sagt Torsten Geier, der seit
ein paar Jahren Chef der Käserei ist. Er kostet die frisch gemolkene
Ziegen- und Kuhmilch und bittet die anderen Männer, mit dem Füllen der
Kessel zu beginnen.
"Ich habe einen steinigen Weg hinter mir." Gedankenverloren rührt er
mit zwei blauen Schuffeln in einer gelblichen Flüssigkeit aus Milch und
Lab, einem Enzym, das aus Kälbermägen gewonnen wird und die Milch
verdickt. Kleine Wellen prallen an der Metallwand des großen Kessels
ab, und zwischendurch schwappen einzelne Tropfen der zähflüssigen Masse
über den Kesselrand auf den Steinboden. Die milchige Flüssigkeit
verwandelt den Boden in eine glitschige Fläche. Sehr anstrengend sei
diese Arbeit, aber man könne richtig fit werden, berichtet der
Achtundzwanzigjährige außer Atem. Im Vergleich zum Lagerraum im Keller
ist es in der Käserei wie in den Tropen. Im stickig heißen Raum fällt
es schwer zu atmen, die dichten Dampfwolken, die über den großen
Metallkesseln hängen, nehmen die Sicht.
Ein gefährliches Spiel habe er gespielt, sagt der angehende
Molkereifachmann, taucht seinen Finger in die verdickte Flüssigkeit und
stellt zufrieden fest, daß sie die richtige Konsistenz hat. Während er
selbst Drogen in größeren Mengen verkaufte und immer höhere
Schuldenberge anhäufte, wurde ihm bewußt, daß er ohne "das Zeugs" nicht
mehr leben konnte. Die Schlinge sei immer enger geworden, juristisch
und finanziell. Mit einem Lächeln macht er sich an die Bearbeitung der
Gallerte, wie die verdickte milchige Flüssigkeit genannt wird.
Breitbeinig steht er am Kessel. Mit einem Gerät, das Harfe heißt und
auch so aussieht, schneidet er die dicke Flüssigkeit in kleine,
gleichmäßig Stücke. Man brauche schon etwas Erfahrung und auch das
richtige Gefühl, um bei der Käseproduktion keine Fehler zu machen, sagt
Geier.
Bevor die Formen abgefüllt werden, rührt er noch einmal mit beiden
Händen in der Masse, die inzwischen wie Hüttenkäse aussieht. "Täglich
werden in der Käserei 1000 bis 1200 Liter Milch rein biologisch zu Käse
verarbeitet", sagt er. Mit flinken Bewegungen füllt er die Flüssigkeit
in Formen ab. Innerhalb weniger Minuten liegen 25 frische Käselaiber in
einem Salzbad und warten darauf, in den nächsten drei Monaten im Keller
zu reifen.
Torsten Geier ist stolz auf sich. Er hat sein Leben komplett
verändert. "Manchmal war ich drei Tage unterwegs, ohne zu schlafen, ich
sah aus wie eine Leiche." Diese Zeiten sind vorbei. Jetzt teilt er sich
sein Zimmer mit zwei Wellensittichen, treibt viel Sport und hat einen
Traum, der sich in naher Zukunft erfüllen könnte: Fasziniert von den
Bergen, würde er gerne in der Schweiz Käse produzieren.
INFOS ZUM ARTIKEL |
 |
|
|
Autorin: Rahel Bucher
© Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH
|
|
|
LINKS ZUM ARTIKEL |
| |
|
|